Sortenvielfalt im Gemüseregal
Wie die biologisch-dynamische Gemüsezüchtung funktioniert

Kartoffeln, Gurken, Paprika, Radieschen, Karotten, verschiedene Salate und noch vieles mehr. Wir alle schätzen die saisonale Auswahl im Gemüseregal. Damit diese Auswahl täglich zur Verfügung steht, muss sich aber auch jemand um die Sorten und deren Saatgut kümmern. Das passiert in der biologisch-dynamischen Gemüsezüchtung. 

Warum Sortenvielfalt so wichtig ist 

Durch die Intensivierung der Landwirtschaft sind über die Jahrhunderte bereits viele Sorten verloren gegangen. Die konventionelle Landwirtschaft hat sich im Anbau auf einzelne,  ertragreiche Hochleistungssorten konzentriert, die mithilfe von Dünger und Pestiziden fast überall angebaut werden können. Dadurch wurden viele andere Sorten verdrängt.

Die Aufgabe der biologisch-dynamischen Gemüsezüchtung

Nur wenn wir unsere Sorten bewahren und weiterentwickeln, kann der Sortenreichtum auch für nachfolgende Generationen erhalten bleiben.

Dafür müssen robuste, samenfeste Sorten gezüchtet werden, die ohne Pestizide auskommen und auch Klimaschwankungen standhalten. Samenfest bzw. nachbaufähig bedeutet, dass aus dem Samen wieder eine Pflanze mit ähnlichem Äußeren und ähnlichen „Merkmalsausprägungen“ wie dessen Elternpflanze wächst. Genau an dieser Stelle brauchen wir die biologisch-dynamische Gemüsezüchtung. 

Die Arbeit von Kultursaat e.V.

Der Verein Kultursaat e.V.  beschäftigt sich bereits seit über 25 Jahren mit der Züchtung und Erforschung von nachbaufähigen Gemüsesorten. Dabei sind über 90 neue, vom Bundessortenamt zugelassene Züchtungen entstanden, die von Bio-Saatgutpartnern vertrieben werden. Die praktische Züchtung findet in 30 Demeter-Gärten in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz statt. Mit der Initiative „Kernkraft? Ja, bitte!“ unterstützt denn’s Biomarkt auch die Züchtungsarbeit von Kultursaat e.V.

Wie eine neue Gemüsesorte entsteht

Pflanzen werden grundsätzlich in Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten gegliedert. Als Sorten bezeichnet man Gruppen mit einheitlichem Typ innerhalb einer Art. Diese entstehen sowohl in der Natur, als auch durch Einflussnahme des Menschen, also durch Züchtung. Rote Bete, Kohl, Tomate, Feldsalat, Möhre... sind Arten. Innerhalb jeder Art gibt es wiederum unterscheidbare Sorten mit jeweils verschiedenen Kombinationen von Eigenschaften.

Züchtung durch Selektion und Kreuzung

Bei der biologisch-dynamischen Züchtung gibt es grundsätzlich zwei Methoden: Die Selektion und die Kreuzung

Die Selektion bzw. Selektionszüchtung ist die älteste Methode, um neue Kulturpflanzen zu entwickeln. Werden zum Beispiel Möhren großflächig angebaut, stehen viele einzelne Pflanzen für die Selektion und Saatgutgewinnung zur Verfügung. Daraus werden diejenigen Exemplare ausgewählt, die den gewünschten Eigenschaften entsprechen. Diese werden dann wieder zusammenangepflanzt, zur Samenbildung gebracht und deren Saatgut geerntet. Das wird über viele Generationen wiederholt, bis man mit dem Ergebnis zufrieden ist. Die Methode solch einer sog. positiven Massenauslese erfordert große Anbauflächen, viel Handarbeit und Zeit. Die Züchtung einer neuen Möhrensorte dauert ca. 20 Jahre.

Um Variation, also Formenvielfalt zu erhalten, ist Kreuzung oder Kombinationszüchtung der klassische Weg. Hier werden die Erbanlagen zweier Sorten bewusst zusammengeführt. Das passiert, indem die Blüte einer Sorte gezielt mit dem Pollen einer anderen Sorte (quasi „überkreuz“) bestäubt wird. In den ersten zwei Generationen entstehen dadurch meistens Pflanzen mit besonders vielen unterschiedlichen Kombinationen von Eigenschaften. Diese bilden dann die Basis für eine neue Auslese.

Kriterien bei der Auslese

Welche Pflanzen im Prozess der Auslese ausgewählt werden, hängt von verschiedenen Kriterien hab. Diese lassen sich am Beispiel der Möhre gut darstellen.

Geschmack

Bei der biologisch-dynamischen Gemüsezüchtung bildet von Anfang an der Geschmack ein  sehr wichtiges Selektionsmerkmal. Möhren schmecken oft sehr unterschiedlich – die eine aromatisch süß, die andere nach fast nichts und eine dritte eher grasig, bitter, kratzig. Das liegt an den ätherischen Ölen der Möhren, die auch alles andere als lecker schmecken können. Optimal ist der Geschmack, wenn das Aroma leicht nussig ist. Außerdem sollte der Geschmack vollmundig sein und von einer langanhaltenden Süße begleitet werden.

Gesundheit und Widerstand

Ein weiteres Auslesekriterium ist beispielsweise die Laubgesundheit. Der Ansatz des Möhrengrüns soll nicht zu grob, aber auch nicht zu schwach ausgeprägt sein. Schließlich muss das Laub bei der Ernte stabil sein, um die reifen Rüben aus dem Boden zu bekommen. Darüber hinaus ist natürlich auch wichtig, dass die Sorte robust gegen diverse, beispielsweise durch Pilze hervorgerufene Krankheiten ist. Die Möhren sollen sich für den biologischen Anbau eignen, da chemisch-synthetische Pestizide und mineralische Dünger nicht zum Einsatz kommen. 

Wüchsigkeit und Reife

Wichtig ist auch die äußere Form. Die Möhren sollen unten abgestumpft sein. Das zeigt auch, dass die Karotten reif sind. Außerdem soll die Möhre ein strahlendes, gut durchgefärbtes Inneres haben. In der Regel sind unsere Möhren orange, aber es gibt auch weiße, gelbe, lilafarbene und rote Typen.

Nach jahrelanger Arbeit entsteht so am Ende eine neue, samenfeste Möhren-Sorte wie zum Beispiel Rodelika, Robila Oxhella, Solvita, Vitella oder Fynn.

Sorten sind Kulturgut

Entsteht eine neue Sorte, wird sie beim Bundessortenamt angemeldet, damit ihr Saatgut nach der Zulassung legal vertrieben werden darf. Hier wird bewusst auf Patente verzichtet, denn eine neue Sorte wird nicht als Eigentum zum Profitabschöpfen verstanden, sondern als ein zu verantwortendes Kulturgut. Saatgut soll für alle da sein. Schließlich geht es um die Weiterentwicklung der Vielfalt auf den Äckern. Diese spiegelt sich im Angebot des Gemüseregals und somit auch auf unseren Tellern wider.